weltwärts

Der Freiwilligendienst des Bundesministeriums fuer wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

weltwärts

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weltwärts ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. weltwärts ist ein Lerndienst, der sich an junge Menschen von 18-28 Jahren richtet. Im Unterschied zu einem Fachdienst setzt er kein Fachwissen in den Einsatzbereichen voraus.

Inhaltsverzeichnis

Dauer

Die Dauer eines weltwärts-Aufenthaltes in Entwicklungsländern kann zwischen 6 und 24 Monaten variieren. Während des Projektaufenthaltes stehen das gemeinsame Arbeiten, das alltägliche Voneinanderlernen und der kulturelle Austausch im Mittelpunkt.

Voraussetzungen

Das Programm richtet sich an alle 18- bis 28-Jährigen mit Haupt- oder Realschulabschluss und abgeschlossener Berufsausbildung (oder vergleichbarer Eignung), Fachhochschulreife oder Abitur. Ferner wird Interesse an entwicklungspolitischen Themengebieten sowie anderen Kulturen und den Lebensverhältnissen in den Entwicklungsländern erwartet.

Ablauf des Projektes

Anfangs muss man sich um einen Projektplatz bewerben. Anders als bei ähnlichen Organisationen bewirbt man sich jedoch bei der eingetragenen Entsenderorganisation direkt, welche dann Unterstützung von weltwärts anfordert, und nicht bei weltwärts. Unterstützung wird jedoch nur bei eingetragenen Entwicklungsprojekten gewährt. Nach der erfolgreichen Bewerbung erfolgt die Vorbereitungsphase. Diese soll zum Teil auch selbstständig erarbeitet werden, jedoch verpflichtet man sich an mindestens 12 Seminartagen teilzunehmen. Während des Projektaufenthaltes wird man, je nachdem wo man eingesetzt ist, durch einen persönlichen Mentor oder den vorherigen Freiwilligen eingewiesen. Ebenso sind ein Zwischenseminar und weitere von weltwärts organisierte Seminare verpflichtend. Nachdem das Projekt abgeschlossen ist, haben die Teilnehmer die Möglichkeit in Nachbearbeitungs-Seminaren ihre Erfahrungen mit anderen zu teilen und weiteres entwicklungspolitisches Vorgehen zu erörtern.

Bereiche

weltwärts ist in den folgenden Bereichen tätig:

  • Bildung
  • Gesundheit
  • Landwirtschaft
  • Not- und Übergangshilfe
  • Umweltschutz
  • Wasser
  • Menschenrechte
  • Demokratieförderung
  • Jugendbeschäftigung
  • Sport
  • Ernährungssicherung

Unterstützung

Die Teilnahme an weltwärts-Projekten ist kostenfrei. Jeder Teilnehmer wird mit bis zu 580€ pro Monat unterstützt. Ein Teil der Kosten kann durch einen Förderkreis von den Teilnehmern getragen werden, maximal jedoch 150€ pro Auslandsmonat. Eventuelle Restkosten müssen durch die Entsendeorganisation aufgebracht werden. Alle anfallenden Kosten wie Anreise, Betreuung, Versicherungsschutz, Verpflegung und ein Taschengeld in Höhe von mindestens 100€ werden mit diesem Beitrag finanziert. Für eine den örtlichen Gegebenheiten angemessene und kostenfreie Unterbringung sorgt die Entsendeorganisation vor Ort. Ebenso werden die Seminare vor, während und nach dem Aufenthalt durch den Förderungsbetrag gedeckt. Pro Jahr steht dem Projekt ein Etat von 70 Millionen Euro zur Verfügung, mit dem das BMZ mittelfristig pro Jahr 10.000 jungen Menschen einen internationalen Freiwilligendienst in einem Entwicklungsland ermöglichen möchte.

Versicherungsschutz

Der Freiwillige ist während seines Freiwilligenaufenthaltes versichert. Die genauen Anforderungen an den Versicherungsschutz, der von der Entsendeorganisation abgeschlossen wird, wird in den weltwärts Richtlinien vorgegeben:

  • Auslandskrankenversicherung (incl. medizinisch notwendigem Krankenrücktransport)
  • Haftpflichtversicherung
  • Unfallversicherung (Todesfallleistung: 15.500 Euro, Invalidität Grundsumme 200.000 Euro, 225% Progression)

Ein speziell auf die Anforderungen des weltwärts-Programms zugeschnittenes Versicherungspaket bietet beispielsweise indenso an.

Zivildienst

Anerkannte Wehrdienstverweigerer können nach § 14 b Zivildienstgesetz über weltwärts einen Freiwilligendienst leisten, der unter drei Voraussetzungen als Ersatz für den Zivildienst anerkannt wird.

  1. Der Freiwilligendienst über weltwärts dauert mindestens zwei Monate länger als der übliche Zivildienst von derzeit neun Monaten. Die meisten Stellen bei weltwärts werden über zwölf oder mehr Monate angeboten.
  2. Der Freiwilligendienst über weltwärts muss vor Vollendung des 23. Lebensjahres angetreten und vor Vollendung des 24. Lebensjahres beendet sein.
  3. Der Freiwilligendienst über weltwärts erfolgt bei einer Entsendeorganisation, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) als Träger bzw. Projektstelle des "Anderen Dienstes im Ausland" anerkannt ist. Diese Organisationen sind in der Stellendatenbank entsprechend gekennzeichnet.

Siehe auch

Weblinks

14. Januar 2009, 16:56 Uhr

RAUS AUS DEUTSCHLAND

Einmal weltwärts und zurück

Dieses Programm macht junge Menschen zu Herumtreibern - zu hilfsbereiten: Mit "Weltwärts" arbeiten 18- bis 28-Jährige für ein halbes Jahr zum Beispiel in Mexiko, Guatemala oder Indien. 2000 Jugendliche schickte die Bundesregierung schon auf Reisen, Zehntausende sollen folgen.

Irgendwie sieht Deutschland für Denise Villis, 22, anders aus, seit sie im Ausland war. Ein halbes Jahr lang lebte sie als Entwicklungshelferin in Tapachula, einer 500.000-Einwohner-Stadt im Süden von Mexiko, gleich an der Grenze zu Guatemala. "Dann kam ich zurück, es war so eng. Die Häuser waren hoch. Und alles war sauber, klar und strukturiert."

 

"Weltwärts": Ab ins Ausland, aber subito
TMN

"Weltwärts": Ab ins Ausland, aber subito

 

Noch etwas hat die junge Frau aus Bielefeld festgestellt, wenn sie ihre Landsleute mit den Mexikanern vergleicht: "Hier redet man vor allem mit Leuten, die man kennt. Und hat Angst vor den anderen."

Solche und ähnliche Erfahrungen haben in den letzten Monaten viele junge Deutsche gemacht. Bereits mehr als 2100 Bundesbürger zwischen 18 und 28 Jahren haben sich an einem Freiwilligen-Projekt namens "Weltwärts" beteiligt, das Anfang 2008 das Entwicklungsministerium startete. Die meisten gingen gleich nach dem Abitur oder während des Studiums in Länder wie Mexiko, Indien oder die Dominikanische Republik. Aber auch 200 junge Leute mit Hauptschul-Abschluss waren dabei.

Praktische Arbeit im Ausland

Mindestens ein halbes Jahr dauern die Einsätze fern der Heimat. Das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zahlt an die Entsendeorganisation 580 Euro pro Teilnehmer und Monat. In den meisten Ländern reicht das aus, um Unterkunft, Verpflegung, Reisekosten und Versicherung zu decken; zusätzlich erhalten die Teilnehmer ein Taschengeld von mindestens 100 Euro monatlich. Nur wenige kamen vorzeitig zurück.

Später einmal, so die Planung, sollen mit "Weltwärts" jedes Jahr 10.000 junge Deutsche unterwegs sein. Bewerbungen gibt es bereits genug. Aus dem Entwicklungs-Etat stehen dafür bis zu 70 Millionen Euro zur Verfügung. "Der Dienst darf nicht vom Geldbeutel der Familien abhängen", sagt Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul.

Unter den Teilnehmern sind viele, denen es nicht reicht, nur bei globalisierungskritischen Demonstrationen auf der Straße dabei zu sein. Sie wollen - wie Denise Villis - praktische Arbeit leisten. Die Bielefelderin kümmerte sich in der "Albergue Buen Pastor del Pobre y el Migrante" um Flüchtlinge aus Guatemala, die auf dem Weg in die USA bereits an der Grenze zu Mexiko gestrandet waren. "Als ich zurück kam, war ich zufriedener" als vor dem Abflug, sagte sie.

"Als Freiwilliger profitiert man mehr als die Leute vor Ort"

Auch Laurin Vierrath, 20, der ein halbes Jahr in einem Armenviertel in der Dominikanischen Republik arbeitete, kam verändert zurück. "Man kann nicht allein die Welt retten", sagt der Berliner. "Aber als Freiwilliger profitiert man von der Zeit enorm. Vielleicht mehr als die Leute vor Ort."

Das Projekt, das im ersten Jahr 15 Millionen Euro kostete, soll soziale und kulturelle Kompetenzen bei jungen Leuten fördern. Zum Dienst gehörte für die ersten Heimkehrer des "weltwärts"- Programms aber auch, immer wieder über Deutschland Auskunft zu geben - über den FC Bayern, über Mercedes und BMW, immer wieder auch auf die Frage, wie das damals mit Adolf Hitler war. "In Mexiko gibt es gerade viele junge Leute, die ein völlig verqueres Bild von der deutschen Vergangenheit haben", sagt Denise Villis. Einiges konnte sie geraderücken. Auch dafür hat sich die Entwicklungshilfe gelohnt.

Christoph Sator, dpa

 

Die wichtigsten Fragen zu "Weltwärts" im Überblick

 

 

  • Wer kann an "Weltwärts" teilnehmen?

 

Das Projekt richtet sich an 18- bis 28-jährige Deutsche, die entweder einen Haupt- oder Realschulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung oder das Abitur haben. Sie sollten die Sprache des Gastlandes sprechen. "Grundkenntnisse reichen", sagt Michael Pahl vom Verein "AFS - Interkulturelle Begegnungen" in Hamburg, "man sollte sich im Alltag verständigen können."

 

Auslandsprojekte: Andere Kulturen kennenlernen
BMZ

Auslandsprojekte: Andere Kulturen kennenlernen

 

Wichtig sei vor allem, dass die Teilnehmer offen für neue Kulturen und andere Menschen sind, sagt Pahl. Denn nur so fänden sie sich in einer fremden Kultur zurecht. Außerdem müssten sie bereit sein, sich aktiv in die Projekte einzubringen. Von den Bewerbern wird erwartet, dass sie sich bereits in irgendeiner Form sozial engagiert haben - etwa im Sportverein oder in der Schule.

 

  • Wie lange dauert der Freiwilligendienst?

 

Mindestens sechs Monate. In vielen Projekten wird aber eine zwölfmonatige Teilnahme verlangt. Männer, die statt Zivildienst einen Freiwilligendienst mit "Weltwärts" leisten wollen, müssen mindestens elf Monate mitarbeiten.

 

  • Was kostet die Teilnahme?

 

Die Teilnehmer müssen für den Freiwilligendienst nichts zahlen, für die Auswahltreffen können laut BMZ aber Kosten anfallen. Von den Freiwilligen wird erwartet, dass sie sich bereits vor der Ausreise für ihr Projekt einsetzen und zum Beispiel über einen Unterstützerkreis Spenden sammeln. Am Ort erhalten sie ein Taschengeld von 100 Euro im Monat. Unfall-, Haftpflicht- und Auslandskrankenversicherung werden bezahlt.

 

  • Wie bewirbt man sich?

 

Ihre Bewerbung richten Interessierte direkt an die Entsendeorganisation. Sechs bis neun Monate Vorlauf sollten sie einplanen, sagt Pahl: "Bei uns gibt es keinen Bewerbungsschluss. Aber die Plätze werden nach Eingang vergeben. Und irgendwann sind sie voll."

Organisation ICJA Freiwilligenaustausch weltweit entsendet im Januar und im August oder September Teilnehmer. "Für 2009 sind alle Plätze weg. Für 2010 kann man sich aber noch bewerben", sagt Andrea Schwieger Hiepko von ICJA. Dort müssen Interessierten umfangreiche Bewerbungsunterlagen ausfüllen und unter anderem ihre Motivation schildern. Offene Fragen werden am Telefon besprochen. "Da wir mehr Bewerber als Plätze haben, versuchen wir die Besten für ein Projekt zu finden." Bei AFS gibt es Informationstage mit Einzel- und Gruppengesprächen.

 

  • Wie werden die Teilnehmer vorbereitet?

 

Zu den Auslandszeiten kommen noch Vorbereitungs-, Begleit- und Nachbereitungstage. Dort bekommen die Teilnehmer Informationen zu den Projekten, zum Land und zur Kultur. Aber auch das Thema Entwicklungshilfe wird diskutiert. Bei ICJA beginnt der Auslandsaufenthalt mit einem Sprachkurs.

 

  • Welche Arbeiten übernehmen sie im Ausland?

 

Die Palette ist breit - Projekten in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Nothilfe, Umweltschutz, Menschenrechte, Demokratieförderung und Sport. Häufig werden die Teilnehmer in der Kinder- und Jugendbetreuung eingesetzt, sagt Schwieger Hiepko. Manche Einsätze verlangen bestimmte Kenntnisse, können dafür aber als Fortbildung genutzt werden. "Etwa, wenn man als Assistant Teacher arbeitet und Englisch unterrichtet", so Pahl. Das ist für angehende Lehrer interessant.

 

  • Wie sind die Freiwilligen untergebracht?

 

Die Freiwilligen wohnen in den Projekten mit anderen internationalen Helfern oder - und das gilt für die Mehrheit - in Gastfamilien. "Das ist die beste Variante, weil man direkten Kontakt ins Land bekommt", sagt Schwieger Hiepko. Unterkunft und Verpflegung werden bezahlt.

jol/tmn


ZUM THEMA IM INTERNET:

Sueddeutsche Zeitung Magazin 

Gesellschaft/Leben | Heft 19/2008

Egotrips ins Elend

Tausende von Jugendlichen gehen jedes Jahr als freiwillige Helfer in Entwicklungsländer. Aber wem nützen sie eigentlich? Am meisten sich selbst.

 


Ein »Lebensgefühl NGO« hat eine ganze Generation erfasst. Immer mehr Jugendliche wollen selbst mit anpacken in den ärmsten Ländern der Welt. Sie lesen die Projektbeschreibungen und beschließen, Hilfsprojekte in Indien bei »vertriebenen Slumbewohner-Innen zu unterstützen«, im Niger »Giraffen und deren Lebensraum zu schützen«, in Ruanda mit »Fußball für den Frieden« zu kämpfen. Der Ansturm auf die ersten ausgeschriebenen Stellen ist gewaltig. »Hilfe – das große Interesse überrollt uns«, heißt es in einem Schreiben des Weltwärts-Partners American Field Service (AFS). Auf hundert Plätze bewarben sich dort 1400 Freiwillige. Eine zweite Entsendeorganisation, die mit Weltwärts zusammenarbeit, der Deutsche Entwicklungsdienst DED, meldet ähnliche Zahlen: 1300 Interessenten für 275 Plätze.

Sascha hatte also Glück. Seit sechs Wochen schläft er auf einer Reismatte in einem der Holzhäuser in Preah Rumkel. Weil der Boden sehr hart ist, hat er zusätzlich sein Handtuch und zwei Decken aus dem Flugzeug untergelegt. Über der Matte ist ein Malarianetz zum Schutz vor Moskitos gespannt. »Unterkunft im Büro« hieß es in der deutschen Projektbeschreibung. Außer Sascha wohnen in dem Holzhaus noch eine weibliche und zwei männliche »Kollegen«, wie er sie nennt.

Die drei Kambodschaner sind ebenfalls junge »Freiwillige« bei der NGO Mlup Baitong. Sie erhalten etwa 120 US-Dollar im Monat, ein für kambodschanische Verhältnisse ganz ordentliches Gehalt, dazu die Aussicht, irgendwann eine gut bezahlte Festanstellung in einem Entwicklungsprojekt zu ergattern. Zum Vergleich: Ein Lehrer im kambodschanischen Staatsdienst verdient fünfzig Dollar. Und Sascha? Der bekommt so viel wie seine drei Kollegen oder sechs Lehrer zusammen: 300 Dollar Taschengeld. Dazu Kindergeld in Deutschland.

Was ist zu tun in Preah Rumkel? Mlup Baitong (zu Deutsch: Grüner Schatten) entwickelt in dem Dorf ein Projekt unter dem Schlagwort »community-based eco-tourism«.

Die Idee ist, sanften Tourismus zu fördern, von dem alle Bewohner des Dorfes profitieren. Konkret heißt das: Einige Dutzend Touristen im Monat sollen nach Preah Rumkel kommen, in den Häusern aus Holz wohnen, das Leben der Dorfbewohner kennenlernen, die Wasserfälle des Mekong bestaunen – und einige US-Dollar im Dorf zurücklassen.

Doch weil das Projekt im Kollektiv organisiert werden soll, mussten die Dorfbewohner in den vergangenen Wochen erst einmal Vertreter wählen, die nun das weitere Vorgehen planen. Seit einiger Zeit gibt es in Preah Rumkel jeden Vormittag »Meetings«: es treffen sich der Polizeichef des Dorfes, die Repräsentanten der Bauern und die Vorsitzenden des Fischereikomitees. Helfen kann Sascha bei deren Sitzungen wenig, seine Kollegen übersetzen das Nötigste für ihn. Sascha selbst hat erst angefangen, die Landessprache Khmer zu lernen. In den nächsten Wochen will er ein Logo für das Projekt entwerfen. »Bisher habe ich eher Handlangersachen erledigt«, sagt er. Papiere ausgeteilt, Tabellen gezeichnet.

»Wie sollen 18-jährige Weißnasen mit Rückflugticket in Entwicklungsländern auch helfen?«, fragt die Berliner Politikprofessorin Claudia von Braunmühl fast verärgert. Sie ist »entsetzt« über das neue Weltwärts-Programm der Bundesregierung. Die Professorin hält die Initiative für »grenzenlos populistisch«, weil sie kaum frage: Was brauchen die Menschen in diesen Ländern wirklich? Eines sei jedenfalls sicher, schimpft von Braunmühl: »An unqualifizierten Händen fehlt es dort nirgends!«

Selbst wenn die jungen Deutschen während ihres Aufenthalts viel lernten – so sei dieses Lernen einseitig, findet die Professorin. Ziel von Entwicklungspolitik sei je-doch die Umverteilung von Lebenschancen. »Warum laden wir nicht auch Jugendliche aus Entwicklungsländern zu uns ein?«, kritisiert von Braunmühl. Sie gönne den jungen Deutschen ja dieses »organisierte Abenteuer«. Aber in der jetzigen Form erinnere sie das Programm eher an die »Dschungel-Camp-Shows auf den Privatsendern«.

 


Wenn die jungen Freiwilligen also tatsächlich sehr viel mehr lernen, als sie helfen, warum fließen dann die Millionen für das Weltwärts-Programm aus dem Budget für Entwicklungshilfe – und nicht aus dem Bildungsetat? Eine mögliche Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: weil man gern mit dem Etikett »Entwicklungshilfe« schmückt, was den deutschen Bürgern nützt. Aber ist der Ärger der Professorin überhaupt berechtigt? Wird nicht gerade in den ärmsten Ländern jede helfende Hand gebraucht?

Wer in Kambodscha landet, steigt in einem der am wenigsten entwickelten Länder der Welt aus dem Flugzeug. Zwar ist die kambodschanische Wirtschaft im vergangenen Jahr um 9,4 Prozent gewachsen, doch hausen am Stadtrand von Phnom Penh weiterhin Tausende von Menschen in armseligen Holzhütten. Das monatliche Durchschnittseinkommen beträgt kaum 43 US-Dollar, und die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel steigen. Es fehlt also an vielem in Kambodscha, an einem aber mangelt es nicht: an unqualifizierten Freiwilligen aus dem Westen.

»Jeden Tag kommen bei mir zwei oder drei Ausländer vorbei, die Kekse mitbringen und mit Waisenkindern spielen wollen«, erzählt die 24-jährige Pon Kaknika, die im Informationszentrum der NGO »Friends« in der Stadtmitte von Phnom Penh Auskunft gibt. Die Hilfsorganisation, so heißt es in den Broschüren, »arbeitet täglich mit 1800 marginalisierten Kindern in ganz Kambodscha«. Längst nicht alle davon sind Waisen. Viele haben den Kontakt zu ihren Eltern verloren, betteln auf den Straßen, schnüffeln Klebstoff, arbeiten in Bordellen, sind HIV-positiv.

Um diese Kinder auszubilden, betreibt Friends mit 240 kambodschanischen Mit-arbeitern zehn Lehrbetriebe, darunter ein Restaurant, eine Autowerkstatt und einen Beauty-Salon. »Wie können da Freiwillige helfen?«, fragt eine Mitarbeiterin. »Die halten unsere Kinder doch nur vom Lernen ab.« Sogar Englischunterricht von Muttersprachlern sei wenig effektiv, wenn die Ausländer nicht auch Khmer sprächen. »In der Vergangenheit hatten wir außerdem eine Menge Probleme mit Pädophilen«, fügt Kaknika hinzu. Auch deshalb gilt bei Friends nun der Grundsatz: Freiwilligen ist der Kontakt zu Kindern verboten.

Nur besonders qualifizierte Freiwillige für einzelne Projekte beschäftigt Friends weiterhin: gelernte Hotelfachkräfte etwa zum Training der Ausbilder im Lehrrestaurant oder Juristen, die Verträge vorbereiten. »Wenn ich den Besuchern im Infozentrum das erklären will, werden viele von ihnen richtig wütend«, erzählt Pon Kaknika. Und zeigt Verständnis: Die Vorstellungen der Menschen kämen eben von dem Ort, an dem sie lebten.

Auf gespendete Kekse jedenfalls scheint die NGO Friends nicht angewiesen. Gerade hat sie eine Immobilie unweit des Königspalastes erworben. Der Preis: drei Millionen US-Dollar. Allein mit dieser Summe könnte die NGO rund 6000 Kambodschaner ein Jahr lang beschäftigen. Warum sich also mit einer Handvoll ausländischer Freiwilliger abmühen, die nur wenige Monate bleiben?

In der Welt der Hilfe pulsieren Milliarden von Dollar – gewaltige Summen, zumindest im Vergleich zur Wirtschaftskraft der Entwicklungsländer. Nach Kambodscha beispielsweise flossen im vergangenen Jahr allein von offiziellen Gebern rund 689 Millionen US-Dollar. Der kambodschanische Staatshaushalt dagegen umfasste im Jahr zuvor gerade einmal 800 Millionen Dollar, und auch dieses Geld stammte fast zur Hälfte von ausländischen Gebern. Zu die-ser offiziellen Entwicklungshilfe kommen noch die kaum zu beziffernden privaten Spenden, die die fast 300 internationalen und tausend lokalen NGOs weltweit für Kambodscha sammeln.

 


Die Schleusentore, durch die diese Millionen ins Land fluten, sieht, wer in Phnom Penh im Stadtviertel Boeung Keng Kang die 294. Straße entlangläuft. Die Hilfe wird aus kolonialen Villen verteilt, vor denen bullige Geländewägen parken. An nahezu jeder Gartenmauer klebt die Plakette einer NGO. Hausnummer 13: Welthungerhilfe, zwei SUVs. Hausnummer 61: Humanitarian Mine Action MAG, drei SUVs. Hausnummer 69: Japan Team of Young Human Power, zwei SUVs.

Im Haus mit der Nummer 27, einer etwas bescheideneren Villa, sitzt der glatzköpfige Australier Chris Minko auf einer Gartenbank aus verrosteten Kalaschnikows und ist stolz darauf, seit zwölf Jahren eine NGO ohne SUV zu betreiben. Der durchtrainierte Kettenraucher, 52, baute eine nationale Volleyball-Liga für behinderte Sportler auf, um vor allem Landminenopfer und Polio-geschädigte Menschen wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Für diese Leistung zeichneten die Vereinten Nationen seine NGO als »Best-Practice«-Beispiel aus. Von der Hilfe junger Freiwilliger allerdings hält Minko wenig.

»Da wird doch gerade ein ganzer Industriezweig aufgebaut, der junge Leute rund um die Welt schickt«, schimpft Minko. So bringe der amerikanische Dienst Peace Corps seit letztem Jahr Freiwillige nach Kambodscha, die Spanier und die Deutschen hätten dieses Jahr damit angefangen. Und die australischen Freiwilligen, die landeten hier sowieso in Flugzeugladungen. Minko: »Dieses Land wird von Freiwilligen überflutet!«

Helfen können die Jugendlichen in Kambodscha wenig, davon ist auch Minko überzeugt. Seine NGO verzichtet seit Anfang des Jahres vollkommen auf Freiwillige. »Die Probleme in Entwicklungsländern sind so verdammt komplex – die kann niemand in zwölf Monaten kapieren«, sagt er. Als Bei-spiel erzählt Minko von der jungen Deutschen Romy, die am »Mutter-Teresa-Syndrom« litt. Am Ende verschenkte sie sogar ihren Laptop an einen der Mitarbeiter, was den Neid aller anderen Helfer provozierte – und schließlich Minkos ganzes Büro in Aufruhr versetzte.

Ein anderer junger Freiwilliger, der Australier Andrew, sei Tag und Nacht mit einem Khmer-Sprachführer herumgelaufen. Schließlich schnauzte er sogar Minko an, weil der sich mit seinen kambodschanischen Mitarbeitern auf Englisch unterhält. Zwar spricht Minko fließend Khmer. »Aber meine Leute sollen doch Englisch lernen!«, ereifert er sich. Viele seiner Freiwilligen seien zudem in ein Leben aus Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll abgerutscht. Minko: »Die konntest du in der Gluthitze hier oft tagelang zu nichts gebrauchen.«

 


Darüber hinaus ist Minko überzeugt, dass sich viele lokale NGOs gern mit ausländischen Freiwilligen als »Prestigeobjekten« schmückten, die die jeweilige NGO dann als vertrauenswürdig und professionell adelten. Dabei seien viele der lokalen NGOs eher auf den Profit ihrer Gründer
als auf Hilfe für Bedürftige ausgerichtet. Die Freiwilligen würden nur missbraucht, um ausländische Spender anzuzapfen. Das Fazit all dieser Beobachtungen ist für Chris Minko klar: »Am meisten profitieren immer die Freiwilligen selbst.« Und fast spöttisch fragt er weiter: Sind diese Freiwilligenprogramme nicht eher »glorifizierte Backpacker-Trips«? Ein Luxus für Jugendliche aus entwickelten Nationen?

Als Weltwärts-Freiwilliger durfte Sascha in Deutschland zunächst ein zehntägiges Vorbereitungsseminar besuchen. In Kambodscha erhielt er nochmals ein zweiwöchiges interkulturelles Training. Während seines ganzen Aufenthalts ist er vollständig abgesichert. Selbst in Preah Rumkel muss er – auf Wunsch seiner Entsendeorganisation DED – stets per Handy erreichbar sein. Sogar einen Krisenplan hat der DED ausgearbeitet: Im Notfall wird Sascha per Helikopter ausgeflogen. Weil der Straßenverkehr in der Hauptstadt Phnom Penh gefährlich ist, gab man Sascha einen Motorradhelm.

Derzeit betreut der DED neben Sascha zwei weitere junge Deutsche in Kambodscha. Bis Ende des Jahres sollen es 15 werden, im Jahr 2009 schon dreißig. Bis dahin muss der DED seine Betreuungsstrukturen für Freiwillige ausbauen, und auch dafür ist Geld eingeplant im Weltwärts-Etat. Woher kommt dieser neue Elan der Industrienationen, ihre Jugendlichen in Entwicklungsländer zu schicken? Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, wird fündig in deutschen Glaspalästen und Bürotürmen, 10 000 Kilometer nordwestlich von Phnom Penh.

Dort warten Männer mit teuren Krawatten bereits mit Wohlwollen auf die jungen Rückkehrer. »Grundsätzlich positiv« sieht etwa Just Schürmann, 39, für Neueinstel-lungen zuständiger Geschäftsführer bei der Unternehmensberatung Boston Consulting, die Erfahrungen der jungen Freiwilligen. Er schätzt, dass sich die Jugendlichen »jenseits der eigenen Komfortzone für ein persönliches Ziel engagieren«. Schürmann weiß, dass sie in Entwicklungsländern einen »persönlichen Reifeprozess erfahren«. Dass sie nach ihrem Aufenthalt stärker sind, dass sie gelernt haben, zwischen den Kulturen zu wechseln. Zudem findet Schürmann, Entwicklungshilfe sei heute entpolitisiert. Mit einem Engagement sei keinerlei ideologisches Statement mehr verbunden.

Das alles war früher anders: »Vor zwanzig Jahren galten wir Entwicklungshelfer als linke Schluffis in Birkenstocks«, erinnert sich Karoline Wiemers-Meyer, eine ehemalige Entwicklungshelferin. Als sie vor 25 Jahren von ihrem ersten Einsatz zurückkam, erzählte man davon auf dem Arbeitsamt besser erst einmal nichts. Arbeitgeber, die dennoch von ihrer Vergangenheit erfuhren, wurden meist skeptisch. Irgendwann kam dann die obligatorische Frage: »Und, wann wollen sie wieder aussteigen?«

Heute dagegen gelten Freiwilligendienste als stählende Erfahrung, als Spoiler am Heck eines getunten Lebenslaufes. Man brüstet sich damit bei Bewerbungen für amerikanische Elite-Universitäten und deutsche Begabtenförderwerke. Die begehrtes-ten Unternehmen sehen sie als Beleg für Schlüsselqualifikationen und Charakterstärke. Mit den Millionen des Weltwärts-Programms zollt auch die Bundesregierung dieser neuen Wertschätzung Tribut.

An all dies freilich denkt Sascha kaum, wenn er in Preah Rumkel aus Höflichkeit geröstete Bienen und Heuschrecken verspeist. Wenn er sich Respekt verschafft, indem er einige Becher selbst gebrannten Reisschnaps hinunterkippt. Wenn er mit einem Boot zu einer Feier nach Laos fährt, die von zwei Polizisten mit Kalaschnikows kontrolliert wird. Sascha weiß noch nicht, wohin er sein Leben führen will. Nächste Woche will er erst einmal lernen, wie man ein Huhn schlachtet. Die Kunst dabei ist, das Blut nicht zu vergießen. Denn Klum-pen aus geronnenem Blut gelten in Preah
Rumkel als Delikatesse. »Du schlachtest ein Huhn, nimmst es aus und hast zu essen«, sagt Sascha. »Irgendwie ist das schon ein cooles Leben.«


Quelle: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/24384



Es gibt Tage, an denen ist im Dorf Preah Rumkel kein Huhn aufzutreiben. Dann wollen die Bauern des Dorfes im Norden Kambodschas, dort, wo der Mekong aus Laos in Wasserfällen über die Grenze stürzt, kein Stück Fleisch verkaufen und die Fischer haben ihren morgendlichen Fang schon unter die Leute gebracht. An solchen Tagen ziehen Sascha Schützenmeister aus Hamburg und seine zwei kambodschanischen Kollegen los, um Frösche zu sammeln. Sie suchen auf den Feldern, am Fluss – und im Badezimmer. »Da ist immer einer«, sagt Sascha.

In Preah Rumkel leben etwa hundert Menschen. Sie wohnen in Häusern aus Brettern und Balken, die sie auf hohe Stelzen bauen. Einen Kaufladen gibt es nicht, dafür drei Motorroller und, in den beiden Stunden nach Sonnenuntergang, Strom. An Festtagen wird der Fernseher der Gemeinde aufgebaut. Zu erreichen ist Preah Rumkel nur mit dem Boot. Zwei Stunden dauert die Fahrt auf dem Mekong ins Provinzzentrum Stung Treng, von dort holpert ein Bus zehn Stunden in die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh.

Wenn Frösche rösten, strecken sich langsam deren Gliedmaßen. »Kaufen würde ich mir die Dinger nicht«, sagt Sascha – und steckt sich trotzdem einige der zähen Fleischfetzen in den Mund. Der 19-Jährige trägt Flipflops, Jeans und Karohemd. Seine blonden Haare sind artig geschnitten, der Bart kaum ein Flaum, die Schultern schmal, sein Lächeln zurückhaltend, fast schüchtern. Seit sechs Wochen arbeitet der Deutsche als Freiwilliger in einem Umweltprojekt der kambodschanischen Nichtregierungsorganisation (NGO) »Mlup Baitong«.

10 000 Kilometer nordwestlich von Preah Rumkel, in Deutschland, träumen immer mehr Jugendliche davon, eine Zeit lang so zu leben wie Sascha. Raus aus den Kinderzimmern, rein in die Urwälder, hinaus in die Wüsten! Abenteuer bestehen und dabei auch noch Gutes tun. Eine weltweite Stellenbörse für Freiwilligendienste bietet der Arbeitskreis »Lernen und Helfen in Übersee« im Internet: Die Besucherzahlen sind allein im vergangenen Jahr um ein Drittel gestiegen. »Der Kreis derer, die sich entwicklungspolitisch engagieren wollen, ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen«, sagt Holger Illi, Pressesprecher im Bundesentwicklungsministerium.

Die neue Lust am Helfen: Bislang konnten es sich nur die Kinder der Reichsten leisten, die Ärmsten zu unterstützen. Egal ob Anderer Dienst im Ausland, selbst organisiertes Praktikum bei einer NGO oder private Austauschorganisationen – in nahezu jedem Fall mussten die Jungen und Mädchen Tausende von Euro aufbringen für Anreise, Unterkunft und Verpflegung. So kosten achteinhalb Wochen Freiwilligendienst in Kambodscha, beispielsweise bei der Firma Travelworks, derzeit 890 Euro (zuzüglich Flugtickets, Impfungen, Versicherungen und Taschengeld).

»Wir wollten nicht, dass die Möglichkeit, einen Freiwilligendienst zu machen, vom Geldbeutel der Eltern abhängt«, sagt Illi. Das sei einer der Gründe, weshalb sein Ministerium zu Beginn des Jahres den neuen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst »Weltwärts« ins Leben gerufen habe. Bis zu 10 000 junge Freiwillige zwischen 18 und 28 Jahren können künftig kostenfrei in die Länder des Südens entsandt werden. Siebzig Millionen Euro stehen dafür bereit. Damit wird der größte Freiwilligendienst Europas aus dem Boden gestampft.